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26.01.2009

"Ein Schauspieler kann kein Moralist sein"

Interview mit Walter Sittler

In einem "stillen" Meisterwerk von Erich Kästner über die Kraft des Erinnerns begeisterte Schauspieler Walter Sittler im Staatstheater Saarbrücken sein saarländisches Publikum.
In einem exklusiven Interview äußerte sich Walter Sittler nach der Vorstellung gegenüber Saar Report über seine eigene Spurensuche in die Vergangenheit, sein politisches Engagement und seine persönliche Beziehung zu Erich Kästner.


Dieter J. Maier:

Herr Sittler, Sie sind heute Abend in die grandiose Solo-Rolle der Figur des Ich-Erzählers Erich Kästner geschlüpft, der sich in seiner autobiographischen Erzählung "Als ich ein kleiner Junge war" sehr intensiv mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzt. Sie haben sich selbst in einer Fernseh-Dokumentation auf die Spuren Ihrer amerikanischen Vorfahren begeben. Wie kam es dazu?


Walter Sittler:

Walter Sittler während seiner Autogrammstunde im Saarbrücker Staatstheater

Foto: Dieter J. Maier

Diese Fernsehproduktion kam auf Anfrage des ZDF, die mir und auch anderen Personen, die sich für ihre eigene Vergangenheit interessieren, die Möglichkeit gab, sich auf intensive Spurensuche in das Land ihrer Vorfahren zu begeben. Ich bin 1952 in Chigago, Illinois, geboren, kam 1958 mit meiner Familie nach Deutschland und kannte von daher nur das, was meine Eltern mir aus unserer Familie erzählten. Mich interessierte es aber immer schon, woher meine Vorfahren stammten und wie und wo sie gelebt haben. Zusammen mit Historikern und dem ZDF-Team fand ich in Amerika Dinge über meine Familie heraus, von denen ich zuvor nicht die geringste Ahnung hatte. Ich habe in Illinois nicht nur das Haus gefunden, in dem meine Vorfahren gelebt haben, sondern auch den Friedhof, auf dem ihre Gräber noch erhalten sind. Ich finde persönlich, dass man von seiner eigenen Vergangenheit ohnehin nicht weg kommt und es somit besser ist, wenn man sie kennt. Setzt man sich mit ihr auseinander, so kann man besser mit ihr umgehen und sich dieser auch stellen.


Dieter J. Maier:

Sie besitzen sowohl die deutsche als auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Fühlen Sie sich eher als Deutscher oder als Amerikaner?


Walter Sittler:

Ich fühle mich eher als Deutscher, weil ich mein ganzes Leben in Deutschland verbracht habe und auch mit meiner Familie hier lebe. Mein Beruf als Schauspieler ist zwar international, ich übe ihn aber nur in Deutschland aus.


Dieter J. Maier:

Sie sind privat sehr politisch engagiert. Wie äußert sich dieses Engagement?


Walter Sittler:

Ich sage politisch was ich denke, auch auf die Gefahr hin, damit nicht immer der allgemeinen Zustimmung zu entsprechen. Ich bekomme öfter Einladungen zu Veranstaltungen und werde gebeten, Vorworte zu Büchern und Beiträge zu schreiben, was ich immer auch gerne tue. Meine Bekanntheit hilft mir stets, dass diese Beiträge auch gelesen werden.


Dieter J. Maier:

Erich Kästner, den Sie heute dargestellt haben, gilt allgemein als Moralist in der deutschen Literatur. Wie sehen Sie die literarische Bedeutung von Erich Kästner aus heutiger Sicht?


Walter Sittler:

Ich halte die Rolle des moralischen Gewissens, die man Erich Kästner heute zuschreibt, für unzureichend. Kästner gehörte zu denjenigen, die sagten: "Ohne Regeln geht es nicht, aber diese Regeln dürfen nicht zu eng sein und sie dürfen nicht unterdrücken". Von daher ist die Bezeichnung Moralist für ihn falsch, weil er in keinem seiner Bücher extremistische Gedanken niedergeschrieben hat. Er sah die Menschen mit den vielen Facetten, die sie haben und hat nie mit dem erhobenen Zeigefinger gedroht, sondern immer betont, dass man freundlich und rücksichtsvoll miteinander umgehend sollte. Erich Kästner war stets ehrlich, humorvoll, witzig, geistreich, aber auch mitunter zynisch und das ist so überwältigend an ihm. Eine seiner Lebensmaxime war: "Das Leben ist nichts für Feiglinge" und er war nie ein Feigling, sein ganzes Leben lang . Er blieb in Deutschland während des zweiten Weltkriegs, was ihm nicht nur von den Nationalsozialisten übel genommen wurde. Andere Schriftsteller wie beispielsweise Tucholsky sind aufgrund ihres politischen Gewissens gegangen und haben sich teiweise später im Exil das Leben genommen. Kästner ist geblieben, weil er der Auffassung war, dass er Dinge nur ändern kann, wenn er bleibt und dies finde ich mehr als mutig. Was ich persönlich sehr bedauere ist, dass es bis heute keine kritische Gesamtausgabe seiner Werke gibt.


Dieter J. Maier:

Sie haben großen Respekt vor Erich Kästner. Ihre Rolle war also nicht zufällig ausgewählt...


Walter Sittler:

Nein, das war sie nicht. Ich habe das Buch, das mir mein Produzent zugesandt hat, gelesen und war sofort von der Rolle begeistert. Dass dieses Stück aber ein solcher Erfolg wird, hätte sich niemand von uns zu träumen gewagt. Es erzählt eine Geschichte, in die man sich fallen lassen kann und einfach nur zuhört. Was ich persönlich gemerkt habe ist, dass sich die Zuschauer im Laufe des Abends in Kinder verwandeln, die mit großen Augen und Ohren zuhören und ihrer eigenen Phantasie folgen.


Dieter J. Maier:

Sehen Sie Ihre Rolle als Schauspieler und Unterhalter oder eher als Moralist?

Walter Sittler:

Der Schauspieler kann gar kein Moralist sein, weil er immer andere Rollen spielt. Ich sehe meine Theater- und Filmrollen immer als Interpretation des jeweiligen Stücks, in dem die Zuschauer in ihrer Phantasie bewegt werden.


Dieter J. Maier:

Welche künstlerischen Projekte planen Sie für die nächste Zeit?


Walter Sitter:

Ich besuche zunächst die Berlinale und freue mich, wieder alte Bekannte und Freunde zu treffen. Dann werde ich in Gotland/Schweden zweimal die Titelrolle in der Fernsehproduktion "Der Kommissar und das Meer" spielen und im Dezember diesen Jahres und im Januar 2010 gibt es erneut eine "Kästner-Tour" durch Deutschland.


Dieter J. Maier:

Herr Sittler, vielen Dank für das Gespräch.

Quelle:
Dieter J. Maier

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